Blog

Interview mit Joella Dorst – Gründerin des Schuhlabels Mayganda

20. November 2018

Mein ursprünglicher Arbeitstitel für dieses Interview lautete: Confessions of a Shoedesigner. Doch Joellas „Bekenntnisse“, während meines Besuches in ihrem Showroom, waren sehr viel mehr als das. Sie gewährte mir spannende Einblicke hinter die Kulissen ihres Business und verblüffte mich mit der Tatsache, dass sie einfach mal einen 500€ teuren Designerschuh aufschneiden ließ – aus Neugier.

Bio | Joella Dorst

Joella ist 33 Jahre alt; kommt ursprünglich aus einem Vorort von Düsseldorf; hat in Köln Medienwirtschaft studiert; nach dem Studium gemeinsam mit ihrer besten Freundin eine kleine Werbeagentur in Hamburg gegründet und dadurch, wie sie selbst sagt, „einen tollen soften Einstieg ins Berufsleben bekommen“; für die Liebe zog sie dann nach Flensburg; arbeitete anschließend über drei Jahre in der Marketing-Abteilung von Orion; 2016 gründete Joella ihr eigenes Schuhlabel Mayganda.

Was ist das Besondere an Mayganda Schuhen?

Das Leder kommt aus Italien. Produziert werden die Schuhe in Portugal. Die ganze Sohle ist gepolstert und hat noch einen zusätzlichen, in nenne es immer Stopper, im Ballenbereich. Eine erhöhte Polsterung, die nochmal zusätzlich unterstützend wirkt und den Fuß stoppt, damit er nicht komplett nach vorne durchrutscht. Die Sohle ist von der Haptik wie Leder, ist aber ein Spezial-Kunststoff, der Tunit heißt. Ein Material, das etwas robuster und abriebfest ist, das heißt du rutscht nicht aus. Besonders praktisch für Frauen, die z.B. in einer Bank arbeiten. Die Spitze ist nochmal verstärkt, damit sie sich nicht so schnell abnutzt – ein Detail, das mich bei anderen Schuhen sehr häufig gestört hat.

Du warst ja bereits schon einmal selbstständig. War es für dich klar, dass du das nochmal machst und nicht dein Leben lang in einer Festanstellung bleiben möchtest?

Ich habe nie geplant mich nochmal selbstständig zu machen, aber ich bin da flexibel, denn es hat alles immer seine Vor- und Nachteile. Nicht selbstständig zu sein, hat sogar absolut mehr Vorteile, zumindest, was das geregelte Leben angeht. Aber ich habe gesagt, wenn es sich ergibt, dann mache ich das natürlich wieder – ich bin da total entspannt. Dann hat sich das von der Überlegung so weiterentwickelt, bis ich irgendwann gesagt habe: Du ich mach das jetzt einfach. Denn wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

“Ich sag es mal ganz ehrlich: Ich bin gar kein Pumps-Typ – nie gewesen.”

Wie ist es zu Mayganda gekommen und warum Pumps?

Das Problem war, dass ich selbst nie welche gefunden habe, die bequem waren und gleichzeitig noch gut aussahen. Ich sag es mal ganz ehrlich: Ich bin gar kein Pumps-Typ – nie gewesen. Ich finde Pumps total schön und ich finde es toll, wenn Frauen das tragen können und wollen. Natürlich trage ich auch mal Pumps und ich trage sie auch gerne zu bestimmten Anlässen, aber das Problem war, wie gesagt, dass ich nie welche gefunden habe. Und wenn ich mal welche gefunden habe, die beide Kriterien erfüllten, dann waren sie entweder unglaublich teuer oder designmäßig gar nicht meins. Da ich nicht so viele Anlässe habe, zu denen ich welche trage, habe ich als Kompromiss halt günstige Modelle gekauft. Aber das war immer eine Vollkatastrophe. Ich habe immer solche Fußschmerzen gehabt.

Wie bist du genau vorgegangen und wie lief der Prozess bis zum fertigen Schuh ab?

Ich habe mir als Erstes jemanden gesucht, der mich beraten kann und Kontakte in die Textil- und Schuhbranche hat. Ich hatte gar keine Ahnung von Schuhen. Es ist nicht so, dass ich Schuhdesignerin bin – bin ich nach wie vor nicht. Wir haben dann damit begonnen Samples anzufertigen, um zu gucken, wo die Reise mit Mayganda hingehen kann. Ich habe mir gedacht, ich kann ja nicht tausend Leute fragen, wie sie was finden, sondern wenn ich das mache, dann muss ich der einzige Koch sein. Das ist dumm und klug gleichzeitig, glaube ich. Ich habe mir natürlich Ratschläge geholt von Freundinnen und Bekannten und gefragt, kannst du mal gucken, wie sieht der Schuh bei dir am Fuß aus etc. Wir haben wirklich lange probiert an den Schuhen. Wir hatten glaub ich fünf oder sechs Durchgänge mit Samples. Haben zwischenzeitlich auch die Produktion gewechselt. Ich habe mich auch schon immer dafür interessiert, wieso manche Designerschuhe 500€ oder sogar mehr kosten. Also habe ich mir ein Paar gekauft. Das haben wir dann in der Produktion in Portugal aufgeschnitten und geguckt wie der Schuh genau aufgebaut ist. Es gibt sogar ein Gerät, mit dem kannst du das Leder einscannen und das sagt dir dann, welche Qualität es hat. Ich habe während der Produktion vieles über Schuhe gelernt, was ich vorher überhaupt nicht wusste – was es beispielsweise auf sich hat mit der Statik, mit den Leisten etc. Schon allein die richtige Leiste zu finden für die Schuhe, hat sechs Monate gedauert. Das war schon ein längerer Prozess, bis ich gesagt habe: Jetzt platzieren wir die Order.

Wann hast du den Schritt gewagt, deine Festanstellung zu kündigen und wie verlief der Start?

Ich habe bis März 2016 noch weiterhin bei Orion gearbeitet und habe danach aktiv alles aufgebaut. Es hat schon fast ein Jahr gedauert, mit allen Kleinigkeiten. Online sind wir dann im Januar 2017 gegangen und ich habe daraufhin angefangen aktiv zu bewerben. Im Februar ist es dann losgegangen mit den ersten Bestellungen. In meinem Businessplan hatte ich einen Puffer bis Mai, wo ich eigentlich damit gerechnet habe, dass gar nichts passiert. Es war cool, dass dann doch schon vorher Bestellungen reinkamen, aber ich wurde auch ein bisschen überrumpelt dadurch. Mein kompletter Zeitplan für alle Steps, die ich haarklein bis Mai geplant hatte, wurde dadurch über den Haufen geworfen. Zusätzlich musste ich den Kundenservice managen, dann kamen Leute in den Showroom, Händler haben angefragt, Kooperationsanfragen kamen rein und und und. Aber mit der Zeit hat sich alles eingependelt.

Welche Rolle übernimmst du bei Mayganda?

Also anfangs habe ich tatsächlich alles selbst gemacht, mit Ausnahme der Website. Mittlerweile source ich gewisse Sachen aus. Ich habe einen selbstständigen Programmierer; ich habe Leute engagiert, die mein Affiliate-Marketing, den Kundenservice und die PR übernehmen. Social Media und Anzeigenwerbung mache ich teilweise selbst und gebe es auch teilweise an andere ab. Ich nehme schon gewisse Dienstleistungen in Anspruch. Zum einen, weil ich weiß, dass es Leute gibt, die gewisse Dinge besser können als ich und zum anderen kann ich mich dann besser auf andere Dinge fokussieren. Dennoch ist es mir wichtig, dass ich das alles auch selbst kann, damit ich im Fall des Falles einspringen kann. Mich ausschließlich auf andere zu verlassen, ist nicht so meins. Das ist vielleicht auch nicht richtig, weil ich mich natürlich noch mehr entlasten könnte.

Wie sieht dein typischer Arbeitstag aus, wenn es überhaupt einen gibt?

Ja, den gibt es. Ich arbeite immer von Montag bis Samstag und auch an Feiertagen. Ich gehe zwischen 9 und 9.30 Uhr ins Büro. Vormittags beschäftige ich mich mit der Abwicklung neuer Bestellungen und bringe sie zur Post. Nachmittags geht es dann weiter mit der Bürokratie und allem, was sonst noch ansteht. Für den Feierabend habe ich keine feste Zeit, das kommt immer drauf an, was so los ist, aber in der Regel versuche ich um 18 Uhr zu Hause zu sein. Und es kann auch mal sein, dass ich noch ein wenig von zu Hause arbeite.

Gibt es eine Aufgabe, die dir besonders viel Spaß macht?

Verkaufen im direkten Kontakt zu meinen Kundinnen – das finde ich richtig toll. Anfang des Jahres, von März bis Juni hatte ich zusammen mit drei anderen Mädels, die auch selbstständig sind, einen Pop-Up Store in Hamburg. Freitags und samstags war ich immer selbst vor Ort. Das ist schon ein ganz anderes Ding, weil natürlich kannst du dein eigenes Produkt selbst immer am besten verkaufen. Schließlich ist es dein Baby, wo dein Herzblut und deine Energie die letzten Jahre reingeflossen sind. Du selbst kannst ja auch immer ganz andere Dinge über dein Produkt erzählen.

Welche Aufgabe macht dir am wenigsten Spaß?

Buchhaltung. Also natürlich habe ich einen Buchhalter, aber ich muss das schon vorbereiten. Buchhaltung ist einfach ein notwendiges Übel und da bin ich glaub ich nicht die Einzige, dies das nicht gerne macht.

Wie groß ist der Kompromiss zwischen kreativer Selbstverwirklichung und kommerziellen Überlegungen in deinem Business?

Exemplarisch würde ich beispielsweise nicht unbedingt einen türkisfarbenen Pump tragen. Den habe ich aber ins Sortiment aufgenommen, weil er sehr beliebt ist – was ich natürlich vorher nicht wusste. Aber ich habe ihn reingenommen, um eine breite Produktvielfalt zeigen zu können und ein breiteres Publikum ansprechen zu können. Ich habe also Entscheidungen getroffen, die ich, wenn man mich ad hoc gefragt hätte und ich die Entscheidung für jemand anderes hätte treffen müssen, so wahrscheinlich nicht getroffen hätte. Aber man wächst auch daran. Ich lerne ständig dazu. Ich würde meine Schuhe ja am liebsten jeden Monat in Frauenzeitschriften sehen, die ich auch privat lese. Das würde sich aber nicht lohnen, weil diese Zeitschriften womöglich meine Zielgruppe gar nicht ansprechen. Also unterm Strich ist der Spagat gar nicht so groß, man darf nur seine Zielgruppe nicht aus den Augen verlieren.

“Ich habe auch festgestellt: Du machst Frauen mit High Heels echt glücklich.

Woher wusstest du, dass Mayganda das richtige Business für dich ist? Gab es einen Schlüsselmoment?

Ich weiß gar nicht, ob man das direkt weiß. Also es ist schon das Richtige für mich, weil es total Spaß macht. Ich muss aber auch dazu sagen, Mayganda Kundinnen sind echt super. Ich hatte noch nie eine Kundin, wo ich dachte: Das geht ja gar nicht. Die sind immer happy. Ich habe auch festgestellt: Du machst Frauen mit High Heels echt glücklich. Wahrscheinlich ist das mein Schlüsselmoment gewesen.

Wann fühlst du dich erfolgreich?

Das sind immer so kurze Momente, wenn z.B. eine Kundin mit ihren neuen Schuhen happy meinen Showroom verlässt. Da denke ich mir dann schon: Cool, hast du doch eigentlich ganz gut gemacht. Nicht weil ich das jetzt verkauft habe, sondern, weil sie etwas von mir gekauft hat, ohne mich zu kennen. Das war auch ganz am Anfang so, da kamen natürlich Freunde und Bekannte, die was gekauft haben, aber als dann die erste Bestellung von einer völlig fremden Person kam, war das so ein Moment, wo ich dachte: Geil. Wenn jemand völlig Fremdes sagt: Das ist echt mein Schuh! Dann freue ich mich und fühle mich für einen kleinen Moment erfolgreich. Es ist jetzt nicht so, dass ich dann denke: Boah, jetzt habe ich hier ein Imperium geschaffen. Geld verdienen ist gut, aber ich habe nie das Ziel gehabt, reich mit irgendwas zu werden. Sondern es ist ein Job für mich und ich lebe davon.

Ich hatte natürlich Angst. Existenzangst. Dagegen kann man nichts machen. Ich habe einfach weitergearbeitet.

Gab es irgendeinen Schritt, der dir in deiner Selbstständigkeit am schwersten fiel?

Der Schuhmarkt ist immer noch eine große Herausforderung. Das haben mir am Anfang auch immer alle gesagt – auch Leute, die schon in der Schuhbranche tätig sind. Und es ist nicht einfach. Gerade Pumps sind nicht einfach. Sneakers sind nochmal ein anderer Schnack. Aber ich habe gesagt: Komm, Challenge accepted. Das mach ich jetzt mal. Ich hatte natürlich Angst. Existenzangst. Dagegen kann man nichts machen. Ich habe einfach weitergearbeitet. Man denkt sich natürlich: Du hast jetzt einen Haufen Geld aufgenommen und machst etwas, das es bereits gibt. Was bei meinem Produkt nun mal der Fall ist. Es gibt 15 Milliarden Pumps auf der Welt. Das ist etwas, das sozusagen keine Revolution ist, sondern einfach nur runtergebrochen. Ich habe nur ein Modell und nur ein Material. Da habe ich gedacht, okay, dann ist es die Diversifikation nach hinten raus. Das ist halt auch ein bisschen Verdrängungsstrategie.

Hattest du einen Plan B?

Ich habe mir gesagt: Wenn’s nicht läuft, dann machst du halt einen großen Outlet-Verkauf [lacht]. Man hat ja tausend Gedanken: Was sagen deine Freunde, deine Familie, was passiert dann, bist du dann gescheitert? Ich glaube der Gedanke des Scheiterns ist bei jemandem, der sich selbstständig macht, immer präsent. Auch bei Leuten, die bereits erfolgreich sind und ein großes Unternehmen aufgebaut haben. Du musst dieses ja auch irgendwie am Laufen halten. Auch dort wird gescheitert, nur verteilen sich da die Verantwortungen und lasten nicht auf den Schultern einer einzigen Person. Im Fall des Scheiterns hätte ich nicht die Möglichkeit das zu Teilen, sondern wenn, dann bin nur ich gescheitert und wenn, dann habe ich es versaut. Das war gerade zu Beginn anstrengend – mittlerweile geht’s. Ich gucke mir natürlich jeden Tag Statistiken an und analysiere die auch jeden Tag. Man macht sich schon viele Gedanken, vor allem an Tagen, wo mal nicht so viele Bestellungen reinkommen wie im Vergleichsjahr.

Was würdest du anderen Frauen raten, die Angst davor haben, ihre Träume und Businessideen zu verwirklichen?

Du brauchst Mut. Ohne Mut funktioniert’s nicht. Und du musst auch mutig tun, wenn du es nicht bist. Man sollte die Sachen mit viel Selbstbewusstsein angehen. Dinge auch mal einfach runterschlucken und nicht so nah an sich rankommen lassen. Man sollte sich auch nicht von anderen Leuten reinreden lassen. Wenn man selbst denkt: Ich finde das gut! Dann sollte man das auch machen. Hätte ich jeden gefragt, wie er es findet, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht.

” Ich bin auch niemand, der verbissen ist. Ich nehme Chancen gerne wahr, aber ich reiße mir jetzt kein Bein raus dafür. “

Welche Vision hast du für Mayganda? Wie groß willst du werden?

Ich habe mir zu Beginn natürlich überlegt, wo kann die Reise hingehen, wie kannst du das hochskalieren. Nach oben hin ist immer alles offen. Ich könnte weitere Basics anbieten, weitere Modelle, weitere Farben, die Produktpalette vergrößern und aktiv in den Handel gehen. Aber dieses Rad ist dann sehr sehr groß. Es ist eine Überlegung, die da ist, aber da bin ich noch nicht so weit, dass ich ein richtiges Statement machen kann. Ich bin auch niemand, der verbissen ist. Ich nehme Chancen gerne wahr, aber ich reiße mir jetzt kein Bein raus dafür. Da bin ich teilweise auch viel zu faul für – faul für mich selbst. Mein Credo ist, dass ich arbeite, um zu leben. Ich will mich nicht totarbeiten. Meine Arbeit soll mir möglichst viel Freude bereiten. Ich will das entspannt machen und schön, mir Mühe geben und auch gerne viel arbeiten. Geld ist natürlich immer schön, aber es ist immer so eine Sache, finde ich. Wenn man etwas richtig groß machen möchte, dann erfordert das sehr viel Zeit, Kraft, Geld und Energie. Ich könnte mir das schon vorstellen für Mayganda, aber dann mit einem Partner. Allein kann und will ich das auch nicht. Das sind mir dann nochmal zu viele Baustellen. Für mich ist es, so wie es gerade ist, überschaubar und das langt. Mal gucken, was die Zukunft bringt. Ich bin immer offen für alles und es haben sich auch schon viele Möglichkeiten ergeben, die ich so gar nicht auf dem Schirm hatte. Vielleicht kommt ja auch irgendwann eine größere Kooperation zustande. Es bleibt spannend.

In welchem Bereich hattest du bisher deine wichtigsten Learnings für Mayganda?

Meine Zielgruppe betreffend. Bis ich erkannt habe, wo meine Zielgruppe wirklich sitzt, hat es gedauert. Da habe ich zu Beginn viele Streuverluste erlitten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es letztendlich meine Kundinnen sind, die meine Marke in die große weite Welt hinaustragen – da kann ich noch so viel Instagram- und Facebook-Werbung machen. In dem Moment, wo deine Freundin dir etwas empfiehlt, hat es natürlich am meisten Gewicht.

Und wie sieht’s mittlerweile in deinem eigenen Schuhschrank aus?

Ich selbst habe ausschließlich Modelle in den Farben Taupe, Dunkelblau und Schwarz. Es ist nicht so, dass ich permanent meine eigenen Schuhe trage, das tue ich nicht. Da will ich auch niemandem, was vormachen. Ich bin nach wie vor kein Pumps-Träger. Es ist also nicht so, dass ich jeden Tag ins Büro in Pumps gehe. Wenn ich aber mal die Gelegenheit habe, hohe Schuhe zu tragen, dann greife ich ausschließlich auf Mayganda Heels zurück – sie sind halt bequem.

Dieser Beitrag enthält Werbung // unbeauftragt // Coverfoto von Daniela Lilienthal